
Geschichte vermitteln, Wissen vertiefen
Digitale Vermittlung
Autor: Veit Lehmann, Daniel Franz | Veröffentlicht am: Juli 2023 | Lesezeit: 6 Minuten
Das AlliiertenMuseum in Berlin-Dahlem spielt bei der Vermittlung der Geschichte der Westmächte und des Kalten Krieges eine besondere Rolle. Nirgendwo sonst wird die Entwicklung ehemaliger Feinde zu Schutzmächten einer jungen deutschen Demokratie anschaulicher dargestellt.
Neben Schokoladenfallschirm und echtem Luftbrückenflugzeug können auch der Checkpoint Charlie und ein amerikanisch-britischer Spionagetunnel besichtigt werden.
Bei der Vermittlung dieser – für Berlin, Deutschland und Europa – prägenden Zeit unterstützt nun ein Mediaguide, den sich Gäste für die Dauer ihres Besuches ausleihen können oder aber für die Vor- und Nachbereitung auch online nutzen können.
Ein Gespräch zwischen Veit Lehmann – Bildung und Vermittlung AlliiertenMuseum – und Daniel Franz – Designer bei tonwelt – guiding solutions.
Daniel Franz: Herr Lehmann, der Mediaguide als Leihgerät vor Ort und Online-Version per PWA (Progressive Web App) wird dieser Tage bei Ihnen im AlliiertenMuseum eingeführt.
Damit geht ein zirka einjähriger Prozess zu Ende, in dem Sie sicher auch noch einmal einen neuen Blick auf die Exponate Ihres Hauses, deren historische Bedeutung, aber auch ihre repräsentative Kraft im Kontext eines Mediaguides entwickelt haben.
Was war für Sie in diesem Prozess überraschend?
Veit Lehmann: Überraschend war, wie viele Geschichten eigentlich noch unerzählt sind und wie viele Vermittlungsformen uns mit einer Anwendung wie dem Mediaguide zur Verfügung stehen.
Dank der App-Oberfläche brauchen wir uns nicht auf reine Hörbeiträge zu beschränken, sondern können auch Texte, Bilder und Videos zur Verfügung stellen. Dies bietet uns wiederum die Möglichkeit, die Bezüge der einzelnen Objekte im Museum zueinander neu zu denken und auch auszutesten.
Durch das Tracking können wir nachvollziehen, ob unsere Angebote von den Besuchenden auch angenommen werden.
Daniel Franz: Sie kombinieren in Ihren Stationen für den Guide Audiotracks mit (historischen) Abbildungen – zum Teil auch als Slideshow – sowie vertiefenden Texten und weiterführenden Informationen.
Um diese Medien und Informationen zu systematisieren, haben wir uns im Prozess detailliert mit dem Interface des Guides beschäftigt und zahlreiche Anpassungen am Framework vorgenommen.
Durch diesen Prozess habe ich die Exponate vor allem aus gestalterischer Sicht kennengelernt.
Wir haben uns dazu entschieden, das Interface sehr reduziert zu halten und den Bildern einen angemessenen Wirkungsraum zuzusprechen.
Die Zusammenarbeit war für mich auch dahingehend besonders, weil ich mit Ihnen jemanden gefunden habe, der offensichtlich die Wichtigkeit guter Bilder und Abbildungen zu schätzen weiß – das ist nicht selbstverständlich.
Da täglich so viele Bilder auf uns einprasseln, finde ich es einmal mehr nötig, digitalen Abbildungen eine entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken, damit diese auch Aufmerksamkeit erzeugen können.
Veit Lehmann: Die bildliche Darstellung der Objekte war aus zweierlei Gründen wichtig: Zum einen diente die klare Abbildung der Exponate der Orientierung der Besuchenden in unserem Museum.
Anstatt nach Ausstellungsnummern suchen zu müssen, kann man bei uns einfach die Objekte auf dem Bildschirm anwählen, die einen interessieren. Dies spielt insbesondere für inklusive Angebote eine wichtige Rolle.
Die klassische Nummernwahl gibt es aber auch noch.
Darüber hinaus verleiht die fotografische Abbildung den Objekten auch eine ästhetisch-künstlerische Dimension. Sie sind mehr als eine bloße Dokumentation des Gewesenen oder ein Stellvertreter für einen Prozess, sondern häufig auch eines: schlichtweg schön.
Daniel Franz: Wie ich weiß, sind noch weitere Einsatzgebiete des Mediaguides geplant; die Besuchergeräte sollen für Filmvorführungen mit Videosynchronisation genutzt werden und zusätzlich arbeiten Sie am Einsatz von Augmented-Reality-Erlebnissen für Ihre Besucherinnen.
Zur Einführung ist der Guide bereits in Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, Arabisch und Chinesisch verfügbar; aktuell entstehen noch eine Tour in Leichter Sprache und eine Kinderführung.
Der Mediaguide ist ein Teil Ihrer Digitalisierungsstrategie und ergänzt das Vermittlungsangebot Ihres Hauses.
Wie lässt sich der Bildungsansatz des AlliiertenMuseums beschreiben und wie ordnet sich der Mediaguide hier ein?
Veit Lehmann: Inklusion und Integration sind zentrale Anliegen des AlliiertenMuseums.
Wir wollen trotz schrumpfender Vermittlungsetats unser Niveau nicht nur halten, sondern noch mehr Besucherinnen den Zugang zum Museum erleichtern.
Neben neuen Führungsangeboten und Outreach ist hier der Mediaguide ein niedrigschwelliges Tool, das es größeren Besucher*innenschichten erlauben soll, an unserem Angebot zu partizipieren.
Hier war uns zuerst der finanzielle Aspekt wichtig: Die PWA-Version ist kostenlos aufrufbar und vollumfänglich zu nutzen. Für Gäste ohne Smartphone stehen Leihgeräte zur Verfügung.
Eine zentrale Funktion kommt den Fremdsprachen zu: Mit bislang sechs weiteren Sprachangeboten erreichen wir ganz neue Interessenten, die bereits jetzt regen Gebrauch von der PWA machen.
Zuletzt soll der Mediaguide die Inklusion befördern. Zum einen durch die Möglichkeit des Zuhörens anstatt des Durchlesens (unsere Ausstellungstexte sind zugegebenermaßen recht klein geraten), zum anderen durch Angebote in Leichter Sprache.
Hier hoffen wir vor allem, durch die Nutzungsstatistiken neue Informationen über weitere Bedürfnisse zu erhalten.
Wir sehen den Mediaguide nur als einen Schritt in einer Strategie der digitalen Abbildung und Fortentwicklung musealer Inhalte, die schlussendlich allen interessierten Gruppen zugutekommt.