
Ich, plötzlich Notenbankchef
AV Integration
Autor: Marlon Rusch | Veröffentlicht am: Mai 2026 | Lesezeit: 5 Minuten
Quelle: https://www.zeit.de/2026/17/moneyverse-bern-nationalbank-direktor-ausstellung
Eine Ausstellung über Negativzinsen und Währungsreserven? Das klingt furchtbar trocken, ist es aber nicht. Schon gar nicht im Land des Geldes.
Ich stehe im Untergeschoss eines Hauses beim Berner Bundesplatz und schaue auf ein Cockpit aus Bildschirmen, Zeigern und Skalen. Sie zeigen Daten über Arbeitslosigkeit oder Inflation. Und ich, der Direktor der Schweizerischen Nationalbank (SNB), soll mein Land durch die Krise manövrieren: Ein Vulkanausbruch hat Unterseekabel zwischen Europa und Nordamerika beschädigt, die Lieferketten brechen zusammen, die Finanzmärkte geraten unter Druck. Die Menschen beobachten die steigenden Preise, bangen um ihre Jobs, stürmen die Läden. Kurzum: Es droht ein Crash. Um ihn abzuwenden, habe ich nur einen Hebel: den Leitzins. Doch was soll ich tun – ihn erhöhen, ihn senken oder abwarten?
Die Schweiz ist das Land des Geldes. Und die Hüterin des Geldes ist die Nationalbank. Ihre tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um stabile Preise, einen nicht zu starken Franken und einen reibungslosen Zahlungsverkehr. Doch wie sie das tun, ist für die meisten ein ebenso großes Rätsel wie die Frage, wo die Bank ihre legendären Goldreserven lagert. Nun hat die SNB neben ihrem Hauptsitz ein Besucherzentrum eröffnet, das Moneyverse.
Eine Ausstellung über Negativzinsen und Währungsreserven? Das klingt furchtbar trocken, ist es aber nicht. Schon im Erdgeschoss des Moneyverse, wo die globale Geschichte des Geldes erzählt wird, zeigt sich der Wert von knackigem Storytelling. Ich erfahre, dass auf der Insel Yap im Westpazifik teilweise bis heute mit Kalksteinscheiben bezahlt wird, die von der 400 Kilometer entfernten Insel Palau stammen. Oder dass Schulden im mittelalterlichen Südeuropa in Hölzer eingekerbt wurden; und wie die Vernichtung von riesigen Mengen dieser Kerbhölzer außer Kontrolle geriet und dabei der Westmünster Palace in Flammen aufging.
Im ersten Stock basteln sich Schulkinder eine eigene Währung und lernen, dass es beim Geld vor allem darauf ankommt, dass die Menschen daran glauben. Nebenan fläzen sich Familien in Loungemöbel und ergründen ihren eigenen Umgang mit Geld. An der Money-Bar serviert mir eine als Barkeeperin getarnte Museumsmittlerin kostenlos einen alkoholfreien »Salary Sour«, und wir kommen ins Gespräch: Wären sie Alleinherrscher, würden die meisten Besucherinnen und Besucher viel Geld in Landwirtschaft und Ernährung investieren und wenig Geld in internationale Beziehungen, erzählt die Barkeeperin. Das zeigten die Resultate eines Simulationsspiels. Träumen die Schweizerinnen und Schweizer also ausgerechnet hier, im Haus der vielleicht internationalsten Institution des Landes, von einer Schweiz, die sich auf die eigene Scholle zurückzieht?
Einen Stock höher lerne ich Vian kennen, die einst aus Syrien in die Schweiz geflüchtet ist, heute in einer Privatbank arbeitet und mir im virtuellen Gespräch erklärt, warum arm sein sich anfühle, wie zu ertrinken. Geld, so die Botschaft, ist nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern vor allem eine Frage von Werten. Oder wie es schon beim Eingang heißt: »Geld formt die Welt.«
Während ich durch die Räume streife, wähne ich mich wie auf einer Messe für museale Vermittlungskonzepte: Alle paar Meter kann ich mit dem viersprachigen Audioguide in ein neues Thema einchecken, und es gibt allerlei zu studieren, zu bestaunen, zu reflektieren, zu drücken und zu hebeln. Das Moneyverse soll »einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag« gekostet haben, der Betrieb des kostenlosen Museums jährlich »einen tiefen einstelligen Millionenbetrag« verschlingen, heißt es bei der SNB. Eine schöne Stange Geld.
Unten im Keller geht es dann um die Nationalbank selbst, und mein Kopf beginnt allmählich zu brummen. Vor der Eröffnung berichtete das Schweizer Fernsehen, die kreativen Ausstellungsmacher des Bernischen Historischen Museums und die etwas spröden Notenbanker hätten sich bei der Konzeption erst finden müssen. Im Untergeschoss scheinen sich die Notenbanker durchgesetzt zu haben. Hier erfährt man, wie die SNB vierteljährlich den Leitzins festlegt – und plötzlich geht es nicht mehr um Werte, sondern nur noch um Zahlen.
Ich verstehe: Die Arbeit der SNB ist wahnsinnig kompliziert. Und ich lerne: Ein Leitzinsentscheid beruht auf Abertausenden Indikatoren und ist ein rein technischer Entscheid – kein politischer. So haben denn auch Pensionskassen, Gewerkschaften oder der Swatch-Chef Nick Hayek, die der SNB vorwerfen, sie halte zu lange an niedrigen Zinsen fest, sie bekämpfe die Inflation zu zaghaft oder sie unternehme zu wenig gegen den starken Franken, im Moneyverse keinen Platz.
Doch nun, am Cockpit, ist sowieso nur noch Platz für mich, den Notenbankchef. Um den Crash abzuwenden, ziehe ich am Hebel und senke den Leitzins von zwei auf 1,75 Prozent. Die Entscheidung, das zeigt sich bald, ist goldrichtig. Die Märkte reagieren positiv, drei Monate nach dem Vulkanausbruch hat sich die Situation in der Schweiz beruhigt, die Exporte sind fast wieder auf dem Vorkrisenniveau, die Inflation nimmt ab. Doch dann steht bereits der nächste Entscheid an. Und ich drücke den Hebel wieder hoch und erhöhe den Leitzins zurück auf zwei Prozent. Dieses Mal habe ich offenbar kein gutes Händchen. »Dein Zickzackkurs hat Verwirrung gestiftet. Du hast dein Ziel nur teilweise erreicht«, sagt eine Stimme aus dem Off.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der SNB: Hier, im Moneyverse, geben wir dir einen Einblick in unser bestgehütetes Geheimnis. Die Arbeit aber, die überlässt du am besten uns.
Das Moneyverse an der Marktgasse 37 in Bern ist dienstags bis sonntags geöffnet, der Eintritt ist frei.