
Mediaguide grenzenlos
Individualführung
Autor: Juliette Barthelemy, Karin Schick, Klaus Kowatsch, Ralf Beil | Veröffentlicht am: März 2026 | Lesezeit: 7 Minuten
Drei kulturelle Hotspots in der europäischen Kulturlandschaft, alle fernab der Metropolen: Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist fast der westlichste Punkt in Deutschland, der Louvre-Lens liegt ganz im Norden Frankreichs, und die Hilti Art Foundation befindet sich im kleinen Fürstentum Liechtenstein.
Und trotzdem gelingt es allen drei Institutionen, sich in der obersten internationalen Liga zu positionieren.
Klaus Kowatsch, Künstlerischer Leiter bei tonwelt – guiding solutions in Berlin, im Gespräch mit Ralf Beil, Direktor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte in Völklingen, Juliette Barthelemy, Leiterin der Vermittlung am Louvre-Lens in Lens, und Karin Schick, Direktorin der Hilti Art Foundation in Vaduz.
Es sind sowohl die Nah- als auch die Fernbeziehungen, an denen die drei Institutionen aktiv arbeiten und auf die sie ihre mediale Vermittlung ausrichten. Mit diesem Engagement sind sie auch an ungewöhnlichen Standorten weithin sichtbar und erreichen eine erstaunliche Ausstrahlung.
Klaus Kowatsch (KK): Bei der Zusammenarbeit mit dem Louvre-Lens, der Hilti Art Foundation und der Völklinger Hütte hat mich in den letzten Jahren immer wieder deren großes Engagement in der Vermittlung fasziniert, ebenso wie die Offenheit für die medialen Möglichkeiten, die tonwelt hierfür bietet.
Alle drei Häuser haben eine besondere geografische Situation. Für ihre Arbeit ist es daher wichtig, wie sich der Publikumszustrom gestaltet und wie man ihm am besten begegnet.
Ralf Beil (RB): Wir wenden uns gezielt an Besucher:innen aus Frankreich, Belgien und Luxemburg, ja sogar aus den Niederlanden.
Wir produzieren nicht nur Flyer in Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch, sondern natürlich auch digitale Informationen in diesen Sprachen. Wir werben vor den großen Museen in Metz und Luxemburg sowie am Pariser Gare de l’Est mit Plakaten und schalten sowohl analoge als auch digitale Anzeigen.
25 Prozent unserer Besucher:innen stammen aus Europa und Übersee.
Juliette Barthelemy (JB): Der Louvre-Lens ist ein wichtiger touristischer Anziehungspunkt auf halbem Weg zwischen Paris und Brüssel.
2012 wurde das Kohlerevier Nord-Pas-de-Calais in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, was deutlich zum Bekanntheitsgrad und zur Attraktivität der Region beigetragen hat. Im selben Jahr wurde unser Museum eröffnet. Es engagiert sich seither für eine starke lokale Einbindung und leistet einen entscheidenden Beitrag zur Umstrukturierung der Region.
Darauf ist auch die Vermittlungsstrategie ausgerichtet, die auf eine enge Zusammenarbeit mit den Besuchenden und eine Teilhabe für alle zielt. 70 Prozent der Museumsgäste kommen aus der Region, 25 Prozent davon aus der unmittelbaren Umgebung. Der Anteil ausländischer Besucher:innen liegt bei etwa 15 Prozent, die meisten kommen aus Belgien.
Der Publikumskreis soll sich dynamisch erweitern, wobei die Öffnung zu den Nachbarländern eine zentrale Rolle spielt. So werden für jede Ausstellung Partnerschaften mit touristischen und kulturellen Einrichtungen beiderseits der Grenze geschlossen und damit auch geografisch weiter entfernte Interessierte angesprochen.
Karin Schick (KS): Auch bei uns ist die geografische Lage außergewöhnlich: Unsere private Institution mit einer bedeutenden Kunstsammlung liegt zwischen drei deutschsprachigen Nachbarländern und zugleich im Herzen Europas.
Liechtenstein ist klein, hat aber eine internationale Bevölkerung und fungiert als Knotenpunkt für viele Reisende in Richtung Süden.
Für dieses Zielpublikum – für Einheimische, die DACH-Region und internationale Gäste – produzieren wir alle analogen und digitalen Textbeiträge rund um unsere Ausstellungen in deutscher und englischer Sprache, ebenso unseren innovativen Mediaguide, den wir im letzten Jahr mit tonwelt etabliert haben.
RB: Mehrsprachigkeit ist zwingend für alle unsere Vermittlungsangebote: Wir arbeiten bei unseren Mediaguides immer mit drei Sprachen – Deutsch, Englisch und Französisch.
JB: Unser mehrsprachiger Empfang der ausländischen Gäste orientiert sich speziell an den Erwartungen der Besuchenden aus Belgien und den Niederlanden.
Alle Raumtexte sind auf Französisch, Niederländisch und Englisch, die Audioguides ebenfalls dreisprachig, und persönliche Führungen können zusätzlich auf Deutsch gebucht werden.
KK: Die grenzübergreifende Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerinstitutionen ist vermutlich auch ein wichtiger Faktor für die inhaltliche Ausrichtung und deren Erfolg.
KS: Auf jeden Fall.
Wir arbeiten vor allem mit Partnern in Liechtenstein, Deutschland und der Schweiz zusammen – zum Beispiel mit der International School Rheintal im benachbarten Buchs (CH), deren Schüler:innen aus den unterschiedlichsten Ländern kommen und auf Englisch unterrichtet werden.
Ein anderer Beitrag entstand mit der Musikakademie in Liechtenstein und einem in Berlin lebenden chinesisch-amerikanischen Violinisten: Er wählte Musik zu Werken unserer Kunstsammlung aus und interpretiert sie im Mediaguide.
RB: Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte kooperiert aktiv mit Kulturinstitutionen in Frankreich, Luxemburg und Belgien – gemeinsam realisieren wir Festivals, Performances, Tanz- und Musikevents.
Die Saar-Lor-Lux-Region ist sich kulturell sehr nah.
Diese Vernetzung zeigt sich auch in unserem Newsletter, in dem wir ganz konkret auf das Angebot des Centre Pompidou Metz und des Mudam Luxemburg hinweisen.
Im nächsten Jahr wollen wir mit diesen beiden Häusern ein Triangle d’Art begründen – alle drei Institutionen weisen eine exzeptionelle Architektur auf und arbeiten intensiv im Bereich der Gegenwartskunst.
JB: Die grenznahe Lage zu Belgien bringt für den Louvre-Lens in der Praxis einen regen Austausch und zahlreiche Partnerschaften mit sich.
Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit den Schauspielstudierenden des Cours Florent in Brüssel: Neben der gemeinsamen Erarbeitung einer besonderen Beschilderung für bestimmte Werke der neuen Dauerausstellung Galerie du temps entstanden dabei künstlerische Performances, die im Rahmen eines Studierenden-Wochenendes vor diesen Werken aufgeführt wurden.
Zu Hörspielszenen ausgestaltet, wurden sie anschließend aufgenommen und in den Mediaguide integriert.
KK: Das Besondere an den verschiedenen Mediaguides ist, dass hier zum einen Grenzen zwischen Ländern überschritten werden, zum anderen zwischen Kunstrichtungen.
Es hat mir selbst große Freude bereitet, an Theatertexten mit jungen Darstellenden zu arbeiten und mit ihnen einen neuen, frischen und ungewohnten Blick auf die ausgestellten Kunstwerke zu werfen.
KS: Genau, bei der Hilti Art Foundation setzen wir besonders gern Videomaterial als Vertiefungsebene ein.
Dazu gehören Interviews mit Zeitzeug:innen oder Museumskolleg:innen, Schüler:innen-Interpretationen sowie beispielsweise Theaterinszenierungen.
Wir sprengen aber auch zeitliche Grenzen: In der laufenden Ausstellung In Touch gibt es einen visuellen Dialog zwischen Paul Klee und Sean Scully über ein Jahrhundert hinweg.
Für den Mediaguide haben wir hierzu mit dem Zentrum Paul Klee in Bern kooperiert, mit dem tonwelt-Team um Klaus Kowatsch (Regie) und Daniel Franz (Kamera) aber auch an verschiedenen Orten in New York gedreht und dabei ein ausführliches Interview mit Sean Scully in seinem Atelier aufgenommen.
JB: Bestimmte Ausstellungen brachten den Blick über Ländergrenzen hinweg mit sich:
Für Polen 1840–1918. Die Seele einer Nation wird gemalt wurden alle Audiokommentare auch auf Polnisch produziert.
Unser Museum befindet sich in einer Gegend mit einer starken polnischen Zuwanderung im letzten Jahrhundert, und der Kontakt zu diesem Land ist nach wie vor sehr eng.
Außerdem gibt es konkrete Überlegungen, den Mediaguide auf zusätzliche Sprachen auszuweiten: einerseits auf Deutsch, da Deutschland ein weiteres Nachbarland ist, andererseits für Länder mit großem touristischem Potenzial.
Japanische und chinesische Audioführungen sind geplant.
KK: Vermittlung ist heute weit mehr als Service oder Ergänzung.
Sie ist ein strategisches, künstlerisches und gesellschaftliches Instrument – wirksam fernab der Metropolen und mit Ausstrahlung in die oberste internationale Liga.
Offenheit für Kooperation, für Mehrstimmigkeit und für neue mediale Formate ist dabei von besonderer Bedeutung.
Mediaguides können zu Resonanzräumen werden: Sie verbinden Orte mit ihren Regionen, Werke mit Stimmen aus unterschiedlichen Disziplinen und Besucher:innen mit ihren eigenen Erfahrungen.
Grenzen verlieren an Bedeutung, wenn Inhalte neugierig machen, Zugänge eröffnen und Dialoge ermöglichen.
Genau darin liegt das große Potenzial einer zeitgemäßen Vermittlung, gerade an geografisch außergewöhnlichen Standorten.