
Musikvideos im Welterbe
Video Synchronisation
Autor: Dr. Ute Strimmer | Veröffentlicht am: Februar 2022 | Lesezeit: 8 Minuten
Quelle: https://www.restauro.de
In der Gebläsehalle der Völklinger Hütte können Besucher:innen derzeit in die Welt der Musikvideos eintauchen. Einzigartig: Denn der Multimedia Guide von tonwelt ermöglicht, dass Bild und Ton ein symbiotisches Ganzes ergeben – lippensynchron und automatisch ausgelöst.
In der Völklinger Hütte geht inmitten riesiger Maschinen der Punk ab. Nicht nur der Punk: Auf zahlreichen flimmernden Bildschirmen flimmern Nirwana, Queen, Eminem, Billie Eilish, Pussy Riots, aber auch ein Video von Joseph Beuys. Noch bis zum Oktober ist in der restaurierten Gebläsehalle, die 1994 als erstes Industriedenkmal zum UNESCO-Welterbe gekürt wurde, die Ausstellung „The World of Music Video“ zu sehen.
Gezeigt werden bekannte, historische und aktuelle Musikvideos. Verhandelt werden darin brennende aktuelle Inhalte wie KI, Umweltzerstörung, politische, psychische und physische Gewalt sowie Genderfragen aller Art.
In der 6.000 Quadratmeter großen Halle, wo einst Stahlarbeiter Rüstungsgüter für die beiden Weltkriege produzierten, regiert nun die Musikindustrie. In den unlängst geöffneten Schächten läuft „Voodoo in My Blood“ von Massive Attack. „Das ist wirklich hypnotisch verstörendes Minutenkino, ganz hohe Kunst“, begeistert sich Ralf Beil, seit Mai 2020 Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.
„Die Völklinger Hütte ist ein großartiger Möglichkeitsraum für faszinierende Kunst- und Kulturprojekte jenseits des Mainstreams. Verstärken möchte ich in Zukunft die Auseinandersetzung mit Realitäten und Visionen unserer Lebenswelt“, teilte Ralf Beil bei seiner Berufung vor zwei Jahren mit.
Gesucht wurde damals „ein mutiger Macher“, der zur Vermittlung der Industriekultur im Saarland neue Ansätze, auch grenzüberschreitend, entwickeln solle. Und das ist dem promovierten Kunsthistoriker mit seiner ersten großen Schau gelungen, die in ihrer Dimension und ihrer Qualität bislang einmalig ist.
„Über achtzig der interessantesten Musikvideos der letzten Jahre und Jahrzehnte verdichten sich im Weltkulturerbe zu einem großartigen Parcours und Panoptikum der Kunstform. Wir wollen emotional wie intellektuell inspirieren, körperliche Erfahrung ist garantiert in diesem veritablen Musikvideo-Kosmos“, macht Ralf Beil deutlich.
Der Megatrend Immersion ist damit auch ins Welterbe eingezogen: Überall bewegen sich in der Völklinger Hütte Menschen mit Kopfhörern rhythmisch vor den monumentalen, bis zu sieben Metern breiten Leinwänden. Teils versunken in die Musik, die nur sie hören.
Möglich macht das die Firma tonwelt, die sich zum Ziel gesetzt hat, „Informationen zielgruppengerecht zu vermitteln und gleichzeitig Emotionen zu wecken“.
Das Berliner Unternehmen hat schon viele Museen und Ausstellungshäuser mit passgenauen audiovisuellen Medien ausgestattet: Zu den Kunden gehören unter anderem das Victoria & Albert Museum in London, der Louvre, die Tretjakow-Galerie in Moskau oder das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin.
Speziell für die Völklinger Hütte hat tonwelt einen Multimedia-Guide entwickelt, der über eine lippensynchrone Soundspur verfügt. Nähert sich ein Besucher einem der Monitore oder Projektionen, liefert das System automatisch und punktgenau zum Bild den passenden Ton.
Keine technische Trivialität angesichts des Settings mit vielen nah beieinander platzierten Stationen. Die Anforderungen an die Ausstellungstechnologie seien sehr hoch gewesen, betont Gürsan Acar. Nirgendwo falle das Auseinanderdriften von Bild und Ton so eklatant auf wie bei Musikvideos, so der tonwelt-Geschäftsführer.
„Ein Versatz zwischen Bild und Ton ist für den Laien bereits ab 60 bis 80 Millisekunden deutlich wahrnehmbar.“ Profis fällt dieser Unterschied sogar bereits bei 20 bis 40 Millisekunden auf.
Um ein immersives Ausstellungserlebnis zu erzielen, müssen Projektoren, Monitore und das Media-Guidesystem also millisekundengenau aufeinander abgestimmt sein. „Mit Consumer-Technik, BYOD, WLAN oder Bluetooth-Beacons wäre eine solche Ausstellung wie The World of Music Video nicht zu realisieren“, erklärt Gürsan Acar.
Neben der Audiosynchronisation der Videos war das Problem zu meistern, wie der Ton an den Projektionsstationen automatisch und für das Hörempfinden der umherwandelnden Besucher möglichst störungsfrei ausgelöst werden konnte. Um dies zu erreichen, perfektionierte tonwelt seine Triggering-Technologie.
„Die Technik ist im Grunde eine Art Lokalisierung des jeweiligen Media Guides“, erklärt Gürsan Acar. „Eine spezielle High-End-Technologie, die wir in den letzten 15 Jahren ausgebaut haben.“
Das Modell tonwelt supraGuide Diva erlaubt im Fokusmodus eine besonders präzise Soundsteuerung und -übertragung. Die Besucher:innen empfangen das Signal automatisch, wenn sie sich dem Symbol auf dem Boden nähern.
Die Präzision ist unerlässlich, denn in der Völklinger Hütte liegen die Auslösezonen relativ nah beieinander. Häufig werden die Leinwände sogar auf der Vorderseite und Rückseite bespielt – mit verschiedenen Videos.
Dies ist insofern bemerkenswert, als Signale normalerweise auf größeren, oft unscharf begrenzten Zonen empfangen werden können, die sich überlappen und gegenseitig stören können.
Die Installation war allerdings eine Herausforderung, denn für das UNESCO-Welterbe gelten gewisse Vorgaben.
„Die Gebläsehalle musste natürlich unangetastet bleiben“, erklärt Acar. „Dort darf man verständlicherweise nichts anbohren, nichts anbringen oder kleben. Bereits im Vorfeld hatten wir die Installation sehr gut abgesprochen. Deswegen konnten wir sie auch innerhalb einer Woche abschließen. Keine einfache Sache bei 80 Stationen!“
Gürsan Acar selbst war mit vor Ort. Es hilft, wenn man selbst ab und zu mitarbeitet, sagt er.
„Dabei entstehen Ideen. Wie könnte man Dinge besser umsetzen? In Völklingen haben wir die nächste Generation der Triggerpoints entwickelt und werden sie jetzt auch umsetzen.“
Auch dass sich die tonwelt-Mannschaft jeden Abend beim Essen über die Inhalte der Schau unterhalten hat, verrät Gürsan Acar.
„Die Show regt deutlich zum Kommunizieren an. Denn man schlendert zwischen den Mega-Leinwänden hin und her und erfasst plötzlich Dinge, die man vorher noch gar nicht mitbekommen hat.“
Ralf Beil hat mit tonwelt in diesem musealen, industriellen Raum also eine ganz neue Form der Wissensvermittlung auf den Weg gebracht, bei der nicht nur die auditiven und visuellen, sondern auch die motorischen Sinne aktiviert werden.
Eine digitale Vor- oder Nachbereitung zur Schau gibt es aus gutem Grund nicht: Der Besuch vor Ort soll ein Erlebnis sein und nachhaltig wirken.
„Denn im Grunde kann man sich auch jedes Video auf YouTube anschauen, aber das ist natürlich nicht so spannend. Wir sehen uns vor Ort die Videos an, sind begeistert, reden im Nachgang dazu und fangen dann an zu googeln.“
Es ist dann eine perfekte Auseinandersetzung, erklärt Vermittlungs-Experte Gürsan Acar, wenn sie nicht nur auf Rezeption angelegt ist, sondern selbst kommunikatives Handeln produziert.