
Oral History meets Video Clip
Creative Content
Autor: Dr. Karin Schick, Lena-Sophia Nachbaur, Klaus Kowatsch, Daniel Franz | Veröffentlicht am: Mai 2023 | Lesezeit: 7 Minuten
Innovative Formate im neuen Mediaguide der Hilti Art Foundation
Kunst lebt von Begegnungen – zwischen Menschen, Ideen und Ausdrucksformen.
Die Hilti Art Foundation in Vaduz hat dieses Prinzip in ihrem neuen Mediaguide auf faszinierende Weise umgesetzt. Statt nüchterner Faktenvermittlung erwartet die Besucherinnen und Besucher ein lebendiger Dialog aus Video-Clips, Musik, Theater und Oral History. So treten Bilder in Resonanz mit Tönen, Erinnerungen mit Gegenwart, und Geschichten entfalten sich direkt im Ausstellungsraum. Ein innovatives Format, das Museumsbesuche persönlicher, unmittelbarer und überraschender macht.
Wie es zu diesem Projekt kam, welches Feedback die Besucher*innen darauf geben und wie es sich weiterentwickelt, berichten Dr. Karin Schick, Direktorin der Hilti Art Foundation, sowie Klaus Kowatsch und Daniel Franz, Künstlerischer Leiter und Visual Content Creator bei tonwelt – guiding solutions.
KS: Die Sammlung der Hilti Art Foundation ist seit gut zehn Jahren in einem Museumsgebäude in Vaduz, Liechtenstein, öffentlich zugänglich, und 2019/20 wurde sie in zwei umfangreichen wissenschaftlichen Bänden publiziert. Unbekannt war der Kunstbestand also nicht, aber es gab eindeutig Potential für eine stärkere Öffnung hin zum Publikum.
Als ich im April 2024 mit der Leitung der Stiftung betraut wurde, wünschte ich mir, dass möglichst viele Menschen die großartigen Werke unserer Sammlung kennenlernen und genießen könnten: vor Ort beim Rundgang durch wechselnde Ausstellungen, aber auch von außerhalb.
KK: Mit diesem Wunsch nach Öffnung kam Dr. Karin Schick im Winter 2024 auf uns zu. Ich kannte Karin Schick bereits aus unserer Zusammenarbeit zu verschiedenen Audioguides in der Hamburger Kunsthalle.
Für die Hilti Art Foundation ging es nun allerdings um nicht weniger, als ein innovatives Gesamtkonzept zu entwickeln und dann in Form eines neuen Mediaguides umzusetzen.
Um diesen möglichst bunt und lebendig werden zu lassen, boten sich über reine Audioformate hinaus Video-Clips an.
Mir war es wichtig, die verschiedenen Begegnungen auch mit unterschiedlichen Stilmitteln zu gestalten – nicht nur, um den Strauß möglichst bunt zu binden, sondern vor allem auch, um ein größeres Spektrum an Besuchenden jeden Alters individuell anzusprechen.
KS: Die meisten Guides in Museen treten ja immer noch als Autorität auf: Ein Sprecher oder eine Sprecherin scheint allwissend und die eine, einzige Wahrheit zu vermitteln.
Dabei lebt ein Kunstwerk doch von der Vielfalt der Interpretation – kein Mensch sieht, denkt oder erfährt genau dasselbe wie der andere.
Es lag für uns also nahe, die unterschiedlichsten Personen einzubeziehen, vom Sammler bis zum Schulkind, von Zeitzeuginnen bis zu Kunstschaffenden aus anderen Disziplinen.
Sieht und hört man diese aus der jeweiligen Perspektive sprechen, öffnet sich der eigene Blick auf das Werk nochmals neu, und dessen Vieldeutigkeit leuchtet unmittelbar ein.
DF: Der unglaublich reiche Fundus an Geschichte und Geschichten begegnete uns eigentlich erst beim Drehen der einzelnen Sequenzen.
Natürlich hatten wir bei den Interviews eine bestimmte Richtung im Kopf, was erzählt, was vermittelt werden soll. Wir interpretierten unsere Rolle nicht linear als Medienproduzenten, sondern eher als interessierte Gesprächspartner.
So haben uns die Berichte und Erzählungen mitunter auf ganz neue Wege geführt, uns selbst überrascht und produktiv verunsichert.
Das große Geschenk aus unserer Sicht war allerdings das hohe Vertrauen und die künstlerische Freiheit, die uns Karin Schick und ihr Team gegeben und gelassen haben.
KK: Absolut.
Teil des Konzeptes war es ja, sich auch mit lokalen Akteur:innen zu verbinden.
So haben wir z. B. mit Schüler:innen der International School Rheintal in Buchs (CH), dem Theater Liechtenstein (TAK) und mit Luke Hsu, einem Violinvirtuosen von der Musikakademie in Liechtenstein, gearbeitet. Dabei hatten die Videos immer einen – mal konkreteren, mal loseren – Bezug zum Kunstwerk.
Die Interpretation von Luke Hsu zu Paul Klees Gemälde „Zankduett“ ist absolut ergreifend.
Die Theaterszene, die wir mit Oliver Reinhard zu Max Beckmanns „Traum des Soldaten“ auf der Grundlage eines Textes von Thomas Spieckermann erarbeitet haben, ist zu einem Video-Clip mit vollständig eigener Ästhetik, Bildsprache und Expressivität geraten.
Diese thematische und stilistische Offenheit zuzulassen, muss sich ein Museum erst einmal trauen.
KS: Große Offenheit haben wir auch bei unseren Partnerinnen und Partnern erfahren.
Besonders berührend sind die Beiträge von Mayen Beckmann, der Enkelin und Nachlassverwalterin von Max Beckmann, sowie von Kitty Kemr, der Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin des Malers Gotthard Graubner.
Sie sind lebendige Oral History und vermitteln auf ganz persönliche, intensive Weise die Entstehungs- und Wirkungsgeschichten von Kunstwerken.
Bildung und anregende Unterhaltung müssen sich nicht widersprechen – im Gegenteil: Was uns berührt, bleibt in der Erinnerung.
DF: Wir sind nun sehr gespannt auf den weiteren Austausch und die vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die uns noch mit dieser Sammlung erwarten und die wir in Geschichten für den Mediaguide verwandeln dürfen.
Schön ist zu sehen, dass sich die intensive inhaltliche Arbeit bereits jetzt in den Statistiken niederschlägt: Es nutzen immer mehr Besuchende den Guide in Deutsch und Englisch, und die Verweildauer vor den einzelnen Werken, aber auch im Museum selbst, ist insgesamt wesentlich länger, was auf eine tiefere Beschäftigung der Besuchenden mit der Kunst hinweist.
Ich empfinde diese Arbeit aber nicht nur aufgrund der statistischen Bestätigung als sehr wertvoll, sondern auch, weil sie eine Kunstsammlung öffnet und deren Geschichten preisgibt und dabei zugleich auf den Wert hochwertiger Inhalte hinweist.
Wie wollen wir als Museum unsere Publika ansprechen, welchen Klang möchten wir unserer Ausstellung geben, in welche Kommunikation mit den Besuchenden treten?
Ich denke, die Hilti Art Foundation macht hierzu einen Vorschlag, der überregional Beachtung finden wird.
KS: Und wir sind weiter gemeinsam aktiv:
Kürzlich haben wir die Kolleginnen in der Nolde Stiftung in Seebüll sowie im Zentrum Paul Klee in Bern besucht und waren danach in New York zum Interview mit dem Maler Sean Scully.
Wir zeigen bis April 2026 Scully erstmals im Dialog mit Klee und konnten ihn vorab zu seiner Kunst befragen – mit einem wunderbaren Ergebnis für unseren Mediaguide.