
Vermittlung im digitalen Raum: Vom Realtime-Learning zur Gesamtstrategie
Digitale Vermittlung
Autor: Monika Holzer-Kernbichler, Anita Thanhofer, Gürsan Acar, Daniel Franz | Veröffentlicht am: Juni 2021 | Lesezeit: 10 Minuten
Gürsan Acar, Geschäftsführer der tonwelt GmbH Berlin und tonwelt Group International, und Daniel Franz, Unternehmenskommunikation, tonwelt GmbH Berlin, im Gespräch mit Monika Holzer-Kernbichler, Leiterin der Kunst- und Architekturvermittlung im Kunsthaus Graz und der Neuen Galerie Graz am Universalmuseum Joanneum sowie National Correspondent von ICOM CECA Austria, und Anita Thanhofer, Kunsthistorikerin, Kulturvermittlerin und Social-Media-Strategin, Durchblick Kommunikation im digitalen Raum, Salzburg
Daniel Franz (DF): Corona hat die Vermittlung im Museum digital vorangetrieben. Was ist aber eigentlich das Kernthema im Bereich digitale Vermittlung?
Monika Holzer-Kernbichler (MHK): Wir arbeiten schon seit Langem mit medialer Vermittlung, im Universalmuseum Joanneum konnten wir mit einiger Erfahrung in die Krise starten – kostenpflichtige wie kostenfreie Apps und Guides inhouse wie auf der Webseite hatten wir im Laufe der Zeit bereits angeboten. Neu ist allerdings der vollständige Ersatz der personellen Vermittlung vor Ort, den die Pandemie mit sich gebracht hat. Die Vermittlung gänzlich in den digitalen Raum zu transformieren, ist eine Herausforderung – ohne persönlichen Kontakt, ohne Originale. Viele Museen haben, recht unreflektiert, vor gut einem Jahr damit gestartet, alles, was an digitalem Material vorhanden war, nach außen zu spielen. Vieles davon war letztlich ein Anachronismus, da es einen Rückschritt in die Einwegkommunikation darstellte. Wir haben von Beginn an versucht, über Zoom im Gespräch mit dem Publikum zu bleiben. Das ist natürlich nicht für alle handhabbar, aber man generiert auch neue Besucher/innen. Die erste Phase war letztlich sehr experimentell. Aber seitdem haben wir uns sukzessive professionalisiert: mit Know-how und technischem Equipment vor Ort statt mit privaten Devices von zu Hause aus. Die größte Herausforderung bleibt die Aufrechterhaltung der Interaktivität und des Austauschs, das Generieren von sicheren Räumen. Wie geht man mit reproduzierten Kunstwerken im digitalen Raum um? Wie geht man mit der Transformation musealer Räume ins Digitale um und was bewirkt sie?
DF: Die Schaffung eines Resonanzraumes erscheint als eine wesentliche Herausforderung. Im realen Museumsraum kennen wir die Werkzeuge, die Resonanzverhältnisse stiften bzw. unterstützen. Aber wie transformiert man diese Erfahrung ins Digitale?
Anita Thanhofer (AT): Ich erachte es im allgemeinen Diskurs als wesentlich, die Begrifflichkeiten, mit denen wir agieren, zu definieren, sodass wir eine gemeinsame Ausgangslage haben. Zunächst plädiere ich dafür, einen Unterschied zwischen digitaler Vermittlung und Vermittlung im digitalen Raum aufzumachen – auch wenn diese nicht nur parallel gedacht, sondern miteinander verschränkt werden müssen. Die Museen mussten aufgrund der plötzlichen Veränderungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie schnell reagieren, da blieb das strategisch-konzeptionelle Denken zugunsten der Handlung oftmals auf der Strecke. Digitale Tools können dabei helfen, Diskurs, Partizipation und Interaktion in Gang zu setzen und anzuleiten. Das Kernthema von Vermittlung ist die Kommunikation mit den Besucherinnen und Besuchern, mit Menschen, die sich für Kunst interessieren, und auch mit Menschen, die sich nicht für Kunst interessieren. Vermittler/innen agieren an der Schnittstelle zwischen Institution und Menschen. Nach Handeln und Experimentieren wäre ‒ und ist ‒ es jetzt an der Zeit, Strategien für den digitalen Raum zu entwickeln: Im digitalen Raum können wir mit Ideen der Kollaboration, Kooperation, Kokreation und Komplizenschaft agieren. Zunächst müssen jedoch personelle wie finanzielle Ressourcen geschaffen werden. Erst dann kommt die Frage nach den Inhalten – in welchem Rahmen, in welchen Räumen, welche Methoden mit welchen Tools.
DF: Vom Realtime-Learning zur Gesamtstrategie lautet ja das Motto. Da kommt man unweigerlich zur Gretchenfrage: Was muss zuerst da sein: die Infrastruktur oder die Inhalte?
Gürsan Acar (GA): Sicher hat die Covid-Pandemie viel ausgelöst, technisch haben sich die Museen so schnell bewegen müssen, da staunen selbst wir. Aber insgesamt geht es immer um die Vermittlung von Inhalten! Die Inhalte stehen im Fokus – auch dann, wenn Besucher/innen vor geschlossenen Türen stehen. Auch wir haben uns überlegt, wie man den Museen schnell unter die Arme greifen kann, wie man einen virtuellen Museumsbesuch ermöglichen kann. Aber wir haben auch sofort festgestellt: Der analoge Museumsraum und die damit verbundenen Erfahrungen können den Menschen nicht in dieser Form digital vermittelt werden. Man möchte das Original sehen! Außerdem lernen wir, dass der digitale Raum ganz andere Regeln hat. Zum Beispiel ist die Vermittlungseffizienz deutlich anders. Für den Besuch vor Ort können wir das relativ klar klassifizieren: Beim Lesen eignet man sich im Schnitt 10 Prozent des dargebotenen Materials an, beim Hören 20 Prozent, Sehen und Lesen 30 Prozent, Sehen und Hören 50 Prozent. Im Grunde muss man immer wieder davon ausgehen, möglichst viele Sinne zu verwenden. Diese Erfahrungswerte fehlen uns für die Vermittlung im digitalen Raum.
MHK: Vermittlung ist für mich nicht nur Wissenstransfer, wir bereiten nicht nur Inhalte auf, zentral ist die Beziehungsarbeit. Der Umgang mit dem Publikum ist anders im digitalen Raum. Manche Formate vergessen sogar darauf, dass sie Publikum haben und „senden“ lediglich. Das Museum als sozialer Ort fehlt aber – ohne Vermittlung und ohne Veranstaltungen. Das ist ein wesentlicher Teil: ein gemeinsames Erlebnis in einem analogen Raum. Aber es gibt auch Möglichkeiten im Digitalen! Wichtig ist auch, dass sich die Vermittler/innen mit den jeweiligen Tools sicher fühlen. Es ist noch ein Lernprozess, aber wir werden dorthin kommen, wo wir hinwollen: auch im Digitalen einen Resonanzraum zu schaffen.
DF: Kann es denn sein, dass wir für die Museumswelt noch nicht die adäquaten Tools an der Hand haben?
AT: Wir befinden uns ja mitten in der digitalen Transformation! Das bedeutet, es kommen stetig neue Möglichkeiten hinzu. Alles ist in Veränderung und im Wandel. Das Lernen findet beständig statt, neue Tools werden entwickelt. Es wird besser und besser werden. Wichtig bleibt, den analogen Raum nicht gegen den digitalen Raum auszuspielen, sondern beide Räume zu kombinieren und zu nutzen. Unsere räumlichen Möglichkeiten haben sich quasi verdoppelt! Und gerade im digitalen Raum funktioniert Kommunikation.
GA: Die digitalen Wege, die die Museen bestritten haben, um Besucher/innen zu erreichen, sind wichtig und gut. Übereilte Lösungen ohne Grundkonzept sind allerdings meist leider reine Mittelverschwendung. Die Museen sollten sich überlegen, wie viel eine Vermittlungseinheit kostet und wie viele Menschen damit erreicht werden können. Kostenlose Audio- oder Multimedia-Guides, die quasi im Ticketpreis inkludiert sind, werden von bis zu 90 Prozent aller Besucher/innen genutzt. Ich vergleiche das immer gerne mit einem Schlüssel, den man Besucherinnen und Besuchern in die Hand gibt, damit sie in die Welt des Museums eintauchen können. Die Nutzungsrate einer App erreicht trotz viel Aufwand oft weniger als 1 Prozent. Apps, die etwas kosten, werden tatsächlich so gut wie nicht genutzt. Das ist nach wie vor so!
Multiplattform-Systeme, die Informationen in verschiedene Medien – Audio-, Multimedia-Guides, Web-Apps – ausspielen können, sind sinnvoll und zeiteffizient, zumal auch der Wartungsaufwand sehr viel geringer ist. Aber wenn wir schon einmal übers Geld reden: Der finanzielle Aufwand ist nach der Implementierung eines Vor-Ort-Systems denkbar gering – in sechs Jahren Nutzung liegt der finanzielle Aufwand pro Nutzungseinheit bei Audio- und Multimedia-Guides vor Ort bei etwas mehr als einem Euro, also wenige Cent pro Jahr, bei einer Standard-App-Lösung etwa bei sechs Euro, also einem Euro pro Jahr! Ich frage mich schon, ob solche Investitionen nicht an anderen Orten im Museum besser aufgehoben wären.
MHK: Viele Museen und deren Kompetenzen sind noch sehr im analogen Raum verortet, digitale Erweiterung braucht Investment und kostet Geld. Ein wichtiger Entwicklungsschritt ist es, analoge wie digitale Vermittlungsarbeit gleichwertig zu betrachten. Dabei gilt es vor allem, die sogenannte Generationenfrage auch als altersunabhängige Haltungsfrage zu verstehen, Aufklärungsarbeit in den Museen zu leisten, die Scheu zu nehmen, aber auch dadurch entstehende neue Tätigkeiten in den Museumsalltag zu integrieren. Denn wir müssen im Museum jetzt weiterdenken, analogen und digitalen Raum miteinander verbinden. Es können Grenzen einfacher und schneller überwunden werden als bisher. Es spielt keine Rolle, ob eine Veranstaltung in Wien oder in Berlin stattfindet! Der springende Punkt in der Vermittlungspraxis ist das Wissen um das Publikum. Viele Museen sind im Analogen und Digitalen oft Sender, seltener auch Empfänger! Wir müssen uns alle mehr für das Publikum interessieren. Für wen werden Ausstellungen und Veranstaltungen gemacht? Was uns englischsprachige Museen schon lange vorleben, muss endgültig hier in Europa ankommen: Besucher/innenorientierung und Zielgruppenarbeit mit den passenden und entsprechenden Tools wie Methoden. Museen müssen ihr Publikum ernst nehmen und ihr Gegenüber kennen.
DF: Es gilt in jedem Fall, die Entwicklungen aktiv zu gestalten. Aber was wünschen wir uns für diese Zukunft: Was kommt, was bleibt, was verschwindet?
AT: Das angebliche Lieblingsformat, die personelle Führung, ist nur ein Format! Carmen Mörsch folgend, gibt es neben diesem affirmativen Diskurs noch den reproduktiven, der neues Publikum heranführt, den dekonstruktiven, der die Institution und seine Praktiken zerlegt, und den transformativen, der Kunst- und Kulturvermittlung zu einem wichtigen, gesellschaftsrelevanten Akteur macht. Vom Stereotyp „Vermittlung ist gleich Führung“ sollten wir uns endgültig verabschieden. Ich wünsche mir Transparenz und Offenheit auf Augenhöhe, Mut zur Entwicklung und Veränderung.
MHK: Genau, Vermittlungsarbeit muss viel breiter gedacht werden! Hinzusetzen möchte ich, dass adäquate Rahmenbedingungen für Vermittler/innen geschaffen werden müssen – in allen österreichischen Museen –, eine institutionelle Verankerung als Bildungsmitarbeiter/innen mit einer Erfolgsquote, die sich nicht nur aus kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ergibt, sondern den Wert des Museums als Ort der Bildung langfristig gesellschaftsrelevant versteht. Die Vermittlungsarbeit muss weiter vielstimmig sein und multimethodisch – im Analogen wie im Digitalen.
GA: Insgesamt werden wir aus dieser Krise auch Gutes mitnehmen. Die Erweiterung des Museums in den digitalen Raum steht letztlich am Anfang. Ich wünsche mir, dass sich die Museen und Institutionen ihre Begeisterungsfähigkeit für neue Formate und Entwicklungen erhalten. Ich wünsche mir aber auch, dass Entscheidungen nicht nur aus Reichweitenangst oder politischem Druck getroffen werden, sondern aus Interesse an den Besucherinnen und Besuchern. Ich glaube, das ist ein guter Kompass, um einschätzen zu können, was den Sprung in die nächste Digitalisierungsstufe schafft und was nicht.
tonwelt – guiding solutions (www.tonwelt.com) gehört zu den führenden Anbietern interaktiver Besucher/innen-Führungssysteme in Europa. Als Full-Service-Anbieter verknüpft tonwelt kreative Content-Produktionen mit zuverlässigen Hard- und Softwarelösungen für eine nachhaltige und spannende Wissensvermittlung.