
Wie Paris heute höfische Kultur inszeniert
Immersive Ausstellung
Autor: Dr. Ute Strimmer | Veröffentlicht am: Februar 2023 | Lesezeit: 6 Minuten
Quelle: https://www.restauro.de
Wie viel Spaß Geschichte erleben machen kann, zeigt das Hôtel de la Marine in Paris. Für das neu eröffnete Museum hat die französische tonwelt-Tochter RSF einen immersiven Audioguide entwickelt. Technische Innovationen und Storytelling greifen hier so ineinander, dass das Publikum voll und ganz in die Geschichte des Stadtpalais eintauchen kann – und sogar das Gefühl hat, selbst Teil davon zu sein.
Es gehört zu einem Ensemble von Weltrang: Das klassizistische Hôtel de la Marine in Paris, das der Erste Hofarchitekt Ange-Jacques Gabriel im 18. Jahrhundert entworfen hat.
Die Bedeutung des Palais mitten im Zentrum der französischen Hauptstadt beruht aber nicht nur auf seiner namensgebenden, knapp 200-jährigen Funktion als Marineministerium: Bis 1798 diente es als Garde-Meuble de la Couronne, also als Möbellager der französischen Krone und war damit Teil der königlichen Schatzkammer.
Nicht nur die königlichen Möbel- und Kunstgewerbesammlungen wurden hier sorgsam verwahrt, sondern auch Schmuck und Juwelen, Staatsgeschenke, Tapisserien und Prunkrüstungen.
In dem Ensemble am Place de la Concorde fanden sich außerdem Büros, Werkstätten, Wohnungen, Repräsentationsräume und nicht zuletzt das Appartement des königlichen Intendanten der Institution.
Seit April 2021 ist das Monument nun nach vierjähriger Restaurierung für die Öffentlichkeit zugänglich.
Das Centre des monuments nationaux, Frankreichs staatliche Behörde für die Verwaltung der Nationaldenkmäler, ließ es für beachtliche 132 Millionen Euro aufwändig restaurieren und sanieren.
Die Prunkgemächer aus dem 18. Jahrhundert, Empfangsräume aus dem 19. Jahrhundert und ein Ballsaal wurden im April 2021 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und erzählen nun die Geschichte des emblematischen Gebäudes.
Vermittelt wird diese nach dem Living-History-Konzept, denn längst sind die Museen Teil der Kulturindustrie und müssen sich der Konkurrenz anderer Freizeiteinrichtungen stellen.
Die Vergangenheit eignet sich das Publikum im Hôtel de la Marine daher nicht nur über die Exponate an, sondern über das Nacherleben, über eine Art Präsenzerlebnis.
Die Räume sind dazu stilecht mit Möbeln aus staatlichen Sammlungen oder aus dem Kunsthandel ausgestattet sowie mit historischen Stoffen und Seidentapeten.
Die Atmosphäre bewohnter Räume sollte entstehen.
So zeigt der Speisesaal ein Abendessen: Die Servietten sind entfaltet, die Gläser stehen noch auf dem Tisch und eine Jacke ist leger über einen Stuhl geworfen.
Bücher im Salon sind aufgeschlagen und über dem Badewannenrand hängen Handtücher.
Spaziert der Hausherr, der königliche Möbelverwalter Pierre-Elisabeth de Fontanieu, gleich herein?
Um die Lebendigkeit in den Räumen noch realer zu gestalten, entschied sich das Hôtel de la Marine außerdem für ein hochmodernes immersives Audioguide-Headset.
Speziell für dieses Museum entwickelte die tonwelt-Tochter RSF aus Toulouse (Hauptsitz der deutschen Firma tonwelt ist Berlin) einen revolutionären All-in-One-Kopfhörer mit 3D-Sound, der das Besuchererlebnis grundlegend erneuert.
Das interaktive Tool beruht auf binauralen Aufnahmen von Radio France.
„Mit unserem supraGuide SPHERIC lässt sich wunderbar inszenieren“, freut sich tonwelt-Chef Gürsan Acar.
„Er sorgt nicht nur für räumlichen Sound, sondern gibt den Nutzer:innen das Gefühl, tatsächlich mitten im Geschehen zu sein. Wenn also jemand hinter einem flüstert, glaubt man wirklich, es steht dort jemand. Dreht man sich allerdings um, ist niemand zu sehen.
Das heißt, das, was Museumsbesucher:innen nicht sehen können, erleben sie jetzt auditiv. Dank des immersiven Headsets tauchen sie in die Ereignisse ein.
Die neue Technologie regt die Kreativität und die Vorstellungskraft an und macht Museumsräume lebendig.
Im Hôtel de la Marine geht man zum Beispiel vom Salon zum Bankett, wo festlich getafelt wird. Mit jedem Schritt in den Raum hören wir immer mehr Stimmen.“
Mit derart passgenauen audiovisuellen Inhalten und Lösungen für Besucherführungen über eigene Audio- und Multimedia-Guides sowie Apps – alles zusammen im Multiplattform-Ansatz – ist die internationale tonwelt-Gruppe schon lange erfolgreich und hat viele Museen und Ausstellungshäuser der Welt ausgestattet.
Zu den Kunden zählen der Louvre, das Kunsthaus Zürich, das Victoria & Albert Museum (London), das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin oder die New York Historical Society und das Jewish Museum in New York.
Speziell für die Völklinger Hütte entwickelte das Berliner Unternehmen seine bewährte Triggering- und Videosynchronisation noch einmal weiter.
Die automatische Auslösung von Inhalten funktioniert hochpräzise und der Mediaguide gibt hier die Soundspur lippensynchron wieder (siehe RESTAURO 2/2022).
Ausgangspunkt für die Audio-Führungen im Hôtel de la Marine ist der Innenhof, der jetzt mit einem neuen, über 300 Quadratmeter großen pyramidenartigen Glasdach aus Verbundglas und Spiegeln überspannt ist.
Architekt Hugh Dutton entwarf es in enger Zusammenarbeit mit Christophe Bottineau, dem Chefarchitekten der französischen historischen Denkmäler.
Gleich im Großen Treppenhaus trifft man auf maritime Szenen, die an das zweite Leben des Gebäudes erinnern, wie den Erläuterungen des Audioguides zu entnehmen ist.
Weil der Marinestab das Gebäude in Bezug auf Dekoration und Organisation grundlegend verändert hatte, war es Ziel der Restaurierung, den Vorzustand wiederherzustellen.
Umfangreiche Forschungen wurden durchgeführt, um das Treppenhaus und dessen Dekoration zu rekonstruieren.
Bei der Erstellung des Audioguides für das Hôtel de la Marine beriet Atsavinn Panyasak.
Sie weiß um die Vorzüge des Systems:
„Der supraGuide SPHERIC ist besonders attraktiv, weil er die technische Komplexität eines High-End-Players mit neuesten Innovationen im Bereich Lokalisierung verbindet.
Das bedeutet, es ist möglich, 3D-Audio-Events akustisch an einem definierten Punkt im Raum zu verorten.
Je nach Bewegung und Blickrichtung der Hörer:innen bleibt der Klang am selben Platz im Raum, d. h. das Publikum bewegt sich intuitiv in der Klanglandschaft.
Es gibt keine abrupten Brüche, smoothe Soundübergänge sind garantiert.“
Der Kopfhörer lässt sich zudem mit externen Videoinstallationen synchronisieren.
Außerdem besitzt der supraGuide SPHERIC ein geringes Gewicht, ist vollständig kabellos und hat eine hohe Betriebsdauer von bis zu 14 Stunden.
Zum Schluss verrät die Expertin für akustische Besucherführungen noch:
„Die über den Ohren schwebenden Lautsprecher machen es trotz der Wiedergabe von Musik, Hörspielen oder Soundscapes möglich, dass sich die Nutzer:innen miteinander austauschen können, und zwar ohne dabei den Kopfhörer abzusetzen.“